😇 Heiliger Bastian & Cookie
Die Datenschutzerklärung, die sowieso keiner liest
Brodie arbeitete sich durch ihre Datenschutzerklärung.
Und arbeitete.
Und arbeitete noch ein bisschen.
Irgendwann stellte sie fest, dass sie zwar schon ziemlich weit gekommen war, das Ende aber offenbar beschlossen hatte, sich noch ein wenig zu verstecken.
„Easy?“
„Ja?“
„Wie lang ist meine Datenschutzerklärung jetzt eigentlich?“
„Ausführlich.“
„Das war nicht meine Frage.“
„Ziemlich ausführlich.“
Brodie ging den Text weiter durch.
Hosting. Technische Daten. Cookies. Kontaktformular. Speicherdauer. Externe Dienste. Rechte. Beschwerdemöglichkeiten.
„Das liest doch kein Mensch!“
„Das“, sagte plötzlich eine Stimme, „wollte ich gerade auch sagen.“
Heiliger Bastian war da.
Niemand wusste so genau, woher er immer kam. Vermutlich hatte er irgendwo zwischen Impressum und Datenschutzerklärung einen kleinen Seiteneingang.
Unter dem Arm trug er seine schwarze Datenschutzmappe.
Neben ihm stand Cookie.
Cookie betrachtete die Datenschutzerklärung.
Dann Brodie.
Dann wieder die Datenschutzerklärung.
„Sag nichts“, warnte Bastian.
Cookie sagte nichts.
„Siehst du!“, sagte Brodie. „Cookie findet das auch.“
Bastian sah zu dem Schaf.
„Cookie findet vor allem, dass wir uns schon sehr lange mit Datenschutz beschäftigen.“
Cookie nickte.
„Und dass das sowieso keiner liest“, ergänzte Brodie.
Cookie nickte deutlich energischer.
Bastian sah ihn an.
„Verräter.“
Cookie kaute ungerührt weiter.
„Aber jetzt mal ernsthaft“, sagte Brodie. „Warum muss das alles da rein, wenn wahrscheinlich kaum jemand die komplette Datenschutzerklärung liest?“
Bastian schlug seine Mappe auf.
„Weil Datenschutz nicht davon abhängt, ob jemand Lust hat, ihn zu lesen.“
Brodie verzog das Gesicht.
„Das klingt schon wieder verdächtig nach Amt.“
„Dann frag Easy.“
„Easy?“
„Eine Datenschutzerklärung soll den Menschen verständlich erklären, was mit ihren personenbezogenen Daten passiert, wenn sie eine Website besuchen oder dort etwas tun.“
„Zum Beispiel?“
„Wenn beim Aufruf technische Daten verarbeitet werden. Wenn jemand ein Kontaktformular benutzt. Wenn externe Dienste beteiligt sind. Oder wenn Daten für einen bestimmten Zeitraum gespeichert werden.“
Brodie überlegte.
„Also im Grunde: Was passiert mit meinen Daten, warum passiert es, wer bekommt sie und wann verschwinden sie wieder?“
Bastian hob anerkennend einen Finger.
„Sehr gut.“
Cookie schaute ebenfalls anerkennend.
Zumindest interpretierte Brodie seinen Blick so.
„Und deshalb steht da auch drin, welche Rechte Besucher haben?“
„Genau“, sagte Easy. „Denn Transparenz bedeutet nicht nur zu sagen, dass Daten verarbeitet werden. Menschen sollen auch nachvollziehen können, was dabei geschieht und welche Möglichkeiten sie haben.“
Brodie dachte kurz nach.
„Dann ist eine Datenschutzerklärung eigentlich so etwas wie eine Gebrauchsanweisung für die Daten einer Website.“
Bastian überlegte.
„Gar nicht schlecht.“
„Nur ohne die Zeichnung von der Schraube, die am Ende übrig bleibt.“
Cookie blickte auf Bastians Mappe.
Bastian klappte sie vorsichtshalber zu.
„Aber“, sagte Brodie, „wenn viel drinsteht, bin ich doch besonders gut abgesichert.“
Bastian schwieg.
Cookie schwieg ebenfalls.
Beide sahen sie an.
„Was denn?“
Bastian räusperte sich.
„Viel Text ist nicht automatisch guter Datenschutz.“
„Das gefällt mir jetzt nicht.“
„Dachte ich mir.“
„Aber ich habe doch extra alles reingeschrieben!“
„Das ist ja auch gut, wenn es tatsächlich zu deiner Website gehört“, erklärte Easy. „Eine Datenschutzerklärung sollte aber möglichst genau beschreiben, was wirklich passiert. Dinge nur vorsichtshalber aus irgendeiner Vorlage hineinzuschreiben, obwohl die Website sie gar nicht verwendet, kann die Erklärung unklar oder sogar unzutreffend machen.“
Brodie wurde misstrauisch.
„Du meinst, ich kann mich nicht einfach schützen, indem ich ALLES reinschreibe?“
„Nein.“
„Mist.“
Cookie schien kurz zu grinsen.
„Du bist heute keine Hilfe“, sagte Brodie.
Cookie sah ausgesprochen zufrieden aus.
Bastian öffnete seine Mappe wieder.
„Stell dir vor, jemand fragt dich, was es bei dir zum Frühstück gibt.“
„Brötchen.“
„Und du antwortest: Brötchen, Müsli, Rührei, Pfannkuchen, Lachs, Würstchen, Croissants und drei Sorten Käse.“
„Das wäre ein sehr gutes Frühstück.“
„Brodie.“
„Ja.“
„Wenn es tatsächlich nur Brötchen gibt, war die Antwort trotzdem falsch.“
Brodie musste lachen.
„Okay. Verstanden.“
„Beim Datenschutz ist es ähnlich“, sagte Bastian. „Nicht möglichst viel hinschreiben. Sondern möglichst vollständig das Richtige.“
Cookie nickte.
„Ach, JETZT beteiligst du dich wieder.“
Cookie nickte noch einmal.
Brodie ging ihre Erklärung weiter durch.
„Und wenn ich nicht weiß, was im Hintergrund technisch passiert? Ich habe meine Website schließlich nicht selbst programmiert.“
„Dann wird nachgesehen“, sagte Easy. „Bei dem Anbieter, den du verwendest, in dessen aktuellen Informationen oder in den Einstellungen deiner Website. Wichtig ist, technische Vorgänge nicht einfach zu erfinden.“
„Und wenn der Anbieter zum Beispiel sagt, dass bestimmte technische Daten dreißig Tage gespeichert werden?“
„Dann kann man deutlich machen, dass diese Angabe vom Anbieter stammt.“
Brodie nickte.
„Also nicht so tun, als würde ich persönlich nachts mit einer Stoppuhr dasitzen und nach dreißig Tagen IP-Adressen löschen.“
Bastian sah sie über den Rand seiner Brille an.
„Das wäre ausgesprochen engagiert.“
Cookie schüttelte langsam den Kopf.
„Ich mache es ja nicht!“
Brodie las weiter.
Nach einer Weile seufzte sie.
„Sie ist trotzdem lang.“
„Ja“, sagte Bastian.
„Und wahrscheinlich liest sie kaum jemand von Anfang bis Ende.“
„Möglich.“
„Aber wenn jemand wissen möchte, was auf meiner Seite mit seinen Daten passiert, kann er es nachlesen.“
„Genau darum geht es.“
Brodie war zufrieden.
„Gut.“
Bastian kannte diesen Gesichtsausdruck inzwischen.
„Was kommt jetzt?“
„Nichts.“
„Brodie.“
„Ich wollte nur sagen: Dann steht es wenigstens drin.“
Bastian schloss die Augen.
Cookie legte sich gemütlich neben ihn.
„Was?“, fragte Brodie. „Das stimmt doch!“
Bastian seufzte.
„Ja.“
Cookie nickte.
„Na also.“
Für einen kurzen Moment herrschte Ruhe.
Dann sagte Brodie:
„Easy?“
„Ja?“
„Wir könnten sicherheitshalber noch einmal das Impressum prüfen.“
Bastian erstarrte.
Cookie stand auf.
Drehte sich um.
Und ging.
„COOKIE!“, rief Bastian.
Das Schaf wurde schneller.
Brodie sah ihm hinterher.
„Was hat er denn jetzt?“
Bastian klemmte sich seine Datenschutzmappe unter den Arm.
„Feierabend.“
Und irgendwo in Brodie Borfes Welt suchte sich das Datenschutz-Prüfschaf eine Wiese, auf der garantiert niemand Cookies setzte.