07.10. · Reha ohne Plan

Kurti Knut von Schwartau berichtet ☃️

Mittwoch, 7. Oktober 2026

Tag 2: Eine Dattel, ein Elektriker und Schweine am Kurteich

Moin.

Meine erste Nacht als Rehabilitand liegt hinter mir. Gegen zehn Uhr brachte Britta mich zu Bett. Ich bekam sogar ein eigenes Kissen neben ihr. Das fand ich zunächst ausgesprochen angemessen.

Dann begann die Nacht. Britta musste zur Toilette. Dann hatte sie Durst. Dann wurde geguckt, ob ich noch richtig liege. Dann wurde sich gedreht. Dann wieder zurückgedreht. Das Bett kommentierte jede größere Bewegung mit einem Geräusch. Ich auch. Innerlich.

Zwischendurch schmatzte Britta im Schlaf derart zufrieden vor sich hin, dass ich kurz vermutete, sie hätte sich heimlich noch einmal ans Abendbuffet geschlichen. Hatte sie nicht. Schade eigentlich. Sie hätte mir etwas mitbringen können.

Am frühen Morgen wachte ich schließlich auf und hörte Britta Englisch sprechen. Mit ihrem Handy. Offenbar macht sie Duolingo. Ich kann nicht beurteilen, ob das pädagogisch so vorgesehen ist, aber manches von dem, was da gesprochen wurde, klang für mich eher nach einem medizinischen Notfall.

Dann machte Britta sich fertig und verkündete fröhlich: „Ich gehe jetzt frühstücken.“ Aha. Und ich?

Ich dürfe mich gern noch ein bisschen in den Kühlschrank setzen. Sehr aufmerksam. Ich möchte an dieser Stelle festhalten: Auch ein Schneemann hat Bedürfnisse.

Im Kühlschrank lagen Datteln. Eine Dattel. Das war mein Frühstück.

Später kam Britta wieder und berichtete begeistert von ihrem Vormittag. Alles nett. Alles prima. Und dann hatte sie auch noch Ernährungsberatung. Dabei kam eine Information ans Licht, die unsere gemeinsame Zukunft für einen kurzen Moment ernsthaft infrage stellte: Britta verträgt keine rohen Möhren.

Ich habe eine Möhre im Gesicht.

Fünf Wochen soll ich mich auf eine Frau verlassen, die mit meinem wichtigsten Körperteil ernährungsphysiologisch nichts anfangen kann. Ich muss das erst einmal verarbeiten.

Zum Mittagessen zog sie jedenfalls wieder los. Danach kam sie zurück und erzählte mir begeistert, wie lecker es gewesen sei. Und Erdbeerjoghurt gab es zum Nachtisch. Ach, wie schön. Ich freue mich wirklich sehr für sie. Ich hatte eine Dattel.

Am Nachmittag wollte Britta schlafen und hatte sich dafür sogar Ohropax in die Ohren gesteckt. Es klopfte. Ein Elektriker kam herein, weil etwas überprüft werden musste. Sehr netter Mann.

Beim Gehen erklärte er Britta auch gleich noch, was sie in ihrer Freizeit machen könne. Minigolf im Kurpark. Kaffee und Kuchen. Gesellschaft. Brettspiele. Alles gut für die Genesung.

Kaum war er weg, funktionierte das elektrische Bett nicht mehr. Ich möchte keine voreiligen Schlüsse ziehen.

Später stellte sich allerdings heraus, dass der Mann unschuldig war. Nach einer Stromunterbrechung muss lediglich ein grüner Knopf an der Steckdose gedrückt werden. Der Elektriker ist hiermit offiziell entlastet. Eine zusätzliche Qualifikation als Bettentherapeut ist nicht erforderlich.

Dann verschwand Britta schon wieder. Ich blieb zurück.

Tagsüber sitze ich meistens in ihrem grauen Nackenkissen. Von dort habe ich einen ausgezeichneten Blick auf das Zimmer und sonst nichts. Draußen höre ich manchmal Menschen. „Schönes Wetter heute!“ „Ja, wirklich herrlich!“ Danke für die Information.

Vor meinem Fenster stehen sogar Strandkörbe. Ich kenne sie inzwischen sehr gut. Persönlich waren wir noch nicht miteinander bekannt. Fernsehen kann ich auch nicht.

Irgendwann kam Britta zurück. Sie hatte ein paar Kleinigkeiten besorgt und war offenbar fest entschlossen, es sich in ihrem Zimmer nach und nach gemütlicher zu machen.

Ich beobachtete das Ganze aufmerksam. Schließlich hoffte ich, dass bei der Umgestaltung vielleicht auch ein eigener Aufenthaltsbereich für Schneemänner vorgesehen war.

War er nicht.

Immerhin brachte sie eine Tasche für ihre Reha-Mappe mit der Aufschrift „I’m kind of a BIG DEAL.“ Ich ging selbstverständlich davon aus, dass sie für meine Unterlagen gedacht ist. War sie nicht.

Britta nannte sie beim Diktieren übrigens „Grübelmonster-Tasche“. Gemeint war Krümelmonster. Das Grübelmonster gibt es offenbar trotzdem. Es wohnt nur nicht auf der Tasche.

Abends verschwand Britta erneut zum Essen und kam wieder gut gelaunt zurück. Danach ging sie im Dunkeln noch eine ganze Runde um den beleuchteten Kurteich. Ohne mich.

Als sie zurückkam, erzählte sie begeistert von Fledermäusen, Enten und Schwänen. Ihr Handy verstand: Schweine.

Ich war nicht dabei und kann deshalb weder Schwäne noch Schweine bestätigen.

Aber ich möchte an dieser Stelle einen Antrag stellen: Britta, nimm mich bitte auch mal mit! An den Kurteich. Nach Bad Schwartau. Von mir aus auch zum Minigolf.

Ich bin seit gestern in Reha und kenne bislang vor allem einen Kühlschrank, ein Nackenkissen und zwei Strandkörbe aus der Entfernung.

Am Abend wurde es schließlich dunkel und ruhig. Dann summte plötzlich eine Mücke durchs Zimmer. Endlich Gesellschaft!

Britta erschlug sie. Danke auch.

Danach ging sie duschen. Immerhin singt sie dabei nicht. Noch nicht.

Jetzt liegen wir wieder im Bett. Das Bett knarzt. Britta dreht sich. Ich liege auf meinem Kissen und frage mich, was diese Nacht wohl bringt.

Morgen soll ihr Therapieplan jedenfalls deutlich voller sein. Meiner nicht. Aber gut. Ich bin flexibel.

Kurti Knut von Schwartau

Rehabilitand ohne Therapieplan · kulinarisch weiterhin unterversorgt ☃️