10.10. · Der KURTeich-Skandal

Kurti Knut von Schwartau berichtet ☃️

Samstag, 10. Oktober 2026

Tag 5: Der KURTeich-Skandal und die erste Joghurtverkostung

Moin.

Fünfter Tag meiner Reha. Ich habe noch immer keinen Therapieplan, keine einzige offizielle Anwendung und wohne weiterhin in einem grauen Nackenhörnchen. Aber ich möchte gleich vorwegnehmen: Heute habe ich eine Entdeckung gemacht, die möglicherweise weitreichende Folgen für die Stadt Bad Schwartau haben wird.

Dabei begann der Samstag völlig unspektakulär. Britta ging frühstücken, während ich meine morgendliche Nackenhörnchen-Meditation absolvierte. Die beherrsche ich inzwischen ausgezeichnet. Ich brauche dafür weder eine Anleitung noch eine Matte. Nur gelegentlich jemanden, der mich wieder gerade hinsetzt.

Nach dem Frühstück kam Britta kurz zurück, machte sich fertig und verschwand erneut. Diesmal in die Stadt. Natürlich ohne mich. Ich vermute, sie wollte mich vor der anstrengenden Außenwelt schützen. Oder sie hat mich schlicht vergessen. Beides erscheint mir inzwischen gleich wahrscheinlich.

Sie erledigte ein paar Besorgungen und spazierte anschließend die Bahnhofstraße entlang. Dort entdeckte sie wunderschöne alte Villen mit Türmchen, Erkern und aufwendigen Verzierungen. Eine davon stammt aus dem Jahr 1901. Ich habe die Fotos gesehen. Sehr beeindruckend.

Besonders die großzügigen Eingangsbereiche haben mich beschäftigt. Manche dieser Häuser besitzen mehrere Etagen, Balkone und vermutlich sogar eigene Gästezimmer. Ich wohne in einem Nackenhörnchen.

Außerdem fotografierte Britta die Pension, in der Jens in zwei Wochen übernachten wird. Jens bekommt also demnächst ein richtiges Zimmer in Bad Schwartau. Mit Tür, Bett und allem Drum und Dran. Ich möchte mich nicht beschweren, aber mein derzeitiges Wohnverhältnis erscheint mir zunehmend renovierungsbedürftig.

Auf dem Rückweg entdeckte Britta ein Schild mit der Aufschrift „Zu den Kuranlagen“. Dahinter führte ein unbekannter Waldweg entlang. Ein unbekannter Weg! Mitten durch die Natur!

Britta musste natürlich sofort herausfinden, wohin er führt. Ich kenne sie inzwischen. Wenn irgendwo ein Weg abzweigt, den sie noch nicht kennt, dauert es nicht lange, bis sie dort entlangspaziert.

Und tatsächlich war der Weg wunderschön. Überall Bäume, grüne Sträucher und ein bisschen Herbstlaub. Ein herrlicher Ort für einen kleinen Schneemann, der dringend frische Luft benötigt hätte. Leider lag dieser kleine Schneemann währenddessen im Nackenhörnchen.

Aber dann geschah etwas Außergewöhnliches.

Britta entdeckte einen Knallerbsenstrauch!

Sofort erinnerte sie sich an ihre Kindheit, als man diese kleinen weißen Beeren mit Begeisterung platzen ließ. Und irgendwie landete sie gedanklich anschließend bei Stefan Raab und seinem berühmten „Maschen-Draht-Zaun“. Ich finde es bemerkenswert, welche Erinnerungen ein einfacher Strauch bei Britta auslösen kann.

Sie wollte sogar ausprobieren, ob die Beeren noch genauso knallen wie früher. Doch genau in diesem Moment kam ein Mann auf einem E-Scooter vorbei. Britta ließ es lieber bleiben.

Vermutlich eine vernünftige Entscheidung. Eine erwachsene Frau, die allein im Wald steht und Knallerbsen zerdrückt, könnte bei zufällig vorbeifahrenden Menschen gewisse Fragen aufwerfen. Wobei ich persönlich gern dabei gewesen wäre. Als Aufsichtsperson.

Doch dann erfuhr ich etwas, das mich regelrecht erschütterte. Dieser Knallerbsenstrauch heißt nämlich eigentlich Schneebeere.

SCHNEEbeere! Ich bin ein SCHNEEmann! Das kann doch kein Zufall sein!

Und als wäre das nicht schon genug, führte der Waldweg anschließend direkt zum KURTeich.

KURT! Ich heiße KURTI!

Ich musste mich erst einmal setzen. Gut, ich saß bereits. Aber innerlich musste ich mich setzen.

Da gibt es also einen Teich, in dessen Namen mein Name steckt, und einen Strauch, der offenbar nach meiner gesamten Gattung benannt wurde. Und niemand hat mich darüber informiert!

Ich vermute inzwischen, dass die Kuranlagen von Bad Schwartau eine Art heimliches Kurti-Gedenkgebiet darstellen. Möglicherweise wurde der Teich sogar zu meinen Ehren angelegt. Die Tatsache, dass er vermutlich schon vor meiner Geburt existierte, sollte man dabei nicht überbewerten.

Ich werde diese Angelegenheit jedenfalls prüfen lassen. Und ich weiß auch schon, wen ich fragen werde: Professor Ägidius Heribert von Mumpitz!

Ein hochgebildeter Mann mit Professorentitel und einem dicken Buch voller Paragrafen. Der muss sich schließlich mit solchen Dingen auskennen.

Ich werde ihm schreiben. Frech, aber höflich. Empört, aber sachlich. Schließlich geht es um meine persönlichen Rechte als Schneemann!

Nach diesem aufregenden Vormittag kehrte Britta zurück und ging zum Mittagessen. Es gab Penne mit Gemüse-Pesto-Soße und Käse. Offenbar ausgesprochen lecker.

Ich weiß das allerdings nur, weil Britta es mir hinterher ganz leise erzählte. Sie flüstert inzwischen, wenn es um besonders gutes Essen geht. Vermutlich hat sie bemerkt, dass ich ihre kulinarischen Erlebnisse aufmerksam dokumentiere.

Man muss sich das einmal vorstellen: Ich sitze seit fünf Tagen ohne geregelte Verpflegung in diesem Zimmer, und Britta berichtet nur noch unter vorgehaltener Hand über ihre Nudelgerichte. Eine bedenkliche Entwicklung.

Anschließend machte sie es sich auf dem Zimmer gemütlich, hörte ein bisschen Hörbuch und döste vor sich hin. Richtig geschlafen hat sie nicht.

Ich durfte ebenfalls entspannen. Endlich eine gemeinsame Anwendung! Therapeutisches Herumliegen mit akustischer Begleitung. Ich werde mir dafür eine Teilnahmebescheinigung ausstellen lassen.

Gegen 15 Uhr gab es ein Rosinenbrötchen und etwas Melone. Britta fand beides köstlich. Ich betrachtete die Angelegenheit aus angemessener Entfernung. Man möchte schließlich nicht aufdringlich wirken.

Um 16 Uhr verschwand Britta dann zu ihrer Verabredung zum Rummikubspielen. Eine kleine gemütliche Spielrunde war geplant. KLEIN! GEMÜTLICH! Fast zwei Stunden war sie weg!

Offenbar wurde dort gespielt, gelacht und ausgiebig geschnackt. Die beiden Damen verstanden sich so gut, dass sie gleich eine neue Verabredung für Sonntag um zehn Uhr vereinbarten. Außerdem überlegen sie, vielleicht gemeinsam nach Lübeck zu fahren.

Aha. Britta hat inzwischen also einen Therapieplan, einen Freizeitplan und einen Reiseplan. Ich habe einen Sitzplan. Nackenhörnchen, mittig.

Während der Spielrunde bekam Britta sogar eine rote Lindor-Schokoladenkugel geschenkt. Eine ganze Kugel!

Ich habe inzwischen festgestellt, dass Rot in dieser Reha offenbar eine besondere Bedeutung hat. Rot bedeutet: Britta bekommt Schokolade. Weiß bedeutet: Kurti wartet.

Ich möchte ausdrücklich betonen, dass ich mich über diese nette Aufmerksamkeit für Britta freue. Aber man wird ja wohl noch Beobachtungen anstellen dürfen.

Zum Abendessen ging Britta wieder in den Speisesaal. Auch dort schmeckte es ihr gut. Und als wäre eine Schokoladenkugel nicht schon genug gewesen, bekam sie von ihrer Mitspielerin sogar noch eine zweite geschenkt! Als Betthupferl!

Zwei rote Schokoladenkugeln an einem einzigen Tag. Ich finde, so etwas sollte man gut beaufsichtigen. Ich hätte mich dafür angeboten. Man hat mich nicht gefragt.

Nach dem Abendessen zog Britta ihre Jacke an und spazierte noch einmal zum Kurteich. MEINEM KURTeich!

Diesmal lief sie nicht ganz herum, sondern blieb bei den Enten stehen. Dort fand offenbar gerade eine außerordentliche Abendversammlung statt.

Es wurde geschnattert, gezetert und gemeckert, als müssten dringend mehrere Tagesordnungspunkte abgearbeitet werden. Ich vermute, die Enten diskutierten über die Verteilung der besten Schlafplätze. Oder über die Frage, warum ständig Menschen am Ufer stehen und ihnen beim Schnattern zuhören.

Vielleicht hatten sie aber auch bereits von meinen ungeklärten Namensrechten erfahren. Dann wäre ihre Aufregung durchaus verständlich.

Auf dem Rückweg war der direkte Eingang zu Haus 4 bereits geschlossen. Also ging Britta durch das Haupthaus. Und weil sie gerade dort war, erkundete sie endlich den Waschmaschinenraum.

Drei Waschmaschinen. Drei Trockner. Dazu Listen, in die man sich für die Benutzung eintragen kann.

Eine freundliche Dame erklärte ihr, wie alles funktioniert. Britta war zufrieden und organisierte gleich ihren Waschtermin für die kommende Woche.

Ich finde das bemerkenswert. Selbst die Waschmaschinen haben hier einen geregelten Terminplan. Nur ich nicht.

Vielleicht sollte ich mich einfach auf einer der Listen eintragen. Name: Kurti Knut von Schwartau. Anwendung: Schleudergang. Nein. Lieber doch nicht.

Zurück auf dem Zimmer duschte Britta und machte es sich gemütlich. Dann gab es noch etwas griechischen Joghurt.

Und jetzt kommt der eigentliche Höhepunkt dieses Tages.

ICH DURFTE PROBIEREN!

Jawohl! Griechischen Joghurt! Nach fünf Tagen!

Britta hielt mir persönlich einen Löffel hin. Direkt vor meine Möhrennase!

Ich war überwältigt. So überwältigt, dass ich mich kaum bewegen konnte. Was bei mir allerdings nicht ungewöhnlich ist.

Das Ereignis wurde sogar fotografisch festgehalten. Endlich gibt es einen offiziellen Beweis dafür, dass ich während dieser Reha nicht ausschließlich von einer Dattel und der Hoffnung auf bessere Zeiten lebe.

Ich vermute, Britta wollte verhindern, dass ich neben meiner Anfrage an Professor von Mumpitz auch noch eine Beschwerde wegen mangelhafter Verpflegung einreiche. Sehr vorausschauend.

Anschließend schrieb sie noch ein bisschen mit Jens und beschäftigte sich mit Easy mit einem neuen Planer, der inzwischen richtig gut funktioniert. Britta freute sich darüber.

Überhaupt war sie heute auffallend zufrieden. Sie hatte einen schönen Vormittag erlebt, neue Wege entdeckt, nette Gesellschaft gehabt, gespielt, gelacht und einen gemütlichen Abend verbracht.

Und dann sagte sie etwas, das mir besonders gefallen hat. Sie freue sich einfach darüber, dass gerade alles so ist, wie es ist.

Das fand ich schön. Auch wenn ich persönlich der Meinung bin, dass die Situation durch einen gemeinsamen Spaziergang zum Kurteich noch erheblich verbessert werden könnte.

Aber heute möchte ich nicht meckern. Schließlich habe ich Joghurt bekommen. Und außerdem eine Entdeckung gemacht, die weitreichende Folgen haben könnte.

KURTeich. SCHNEEbeere. KURTI. SCHNEEmann.

Ich sage nur: Das ist kein Zufall!

Professor von Mumpitz wird von mir hören. Vielleicht kann er mir erklären, ob mir ein eigener Strandkorb am Kurteich zusteht. Oder wenigstens ein offizielles Namensschild.

Bis dahin bleibe ich selbstverständlich wachsam. Und im Nackenhörnchen.

Mit frostigen Grüßen

 

Kurti Knut von Schwartau

Rehabilitand ohne Therapieplan

Entdecker ungeklärter Namenszusammenhänge

seit heute offiziell griechisch-joghurtversorgt ☃️