09.10. · Handwerker-Comedy

Kurti Knut von Schwartau berichtet ☃️

Freitag, 9. Oktober 2026

Tag 4: Zwei Handwerker, ein Teller und eine geplatzte Premiere

Moin.

Vierter Tag meiner Reha. Ich habe heute Morgen beschlossen, mich auf die Bettkante zu setzen. Einfach mal eine andere Perspektive. Nach drei Tagen im Nackenhörnchen erschien mir das angebracht.

Britta hatte gut geschlafen. Ich übrigens auch. Jedenfalls zwischen ihren nächtlichen Ausflügen ins Badezimmer. Draußen regnete es bei ungefähr neun Grad. Bestes Schneemannwetter, wenn man mich fragt. Aber mich fragt ja niemand.

Beim Frühstück saß Britta wieder in netter Gesellschaft. Inzwischen entwickeln sich dort offenbar richtige Bekanntschaften. Es wurde geschnackt, gelacht und sogar über einen gemeinsamen Ausflug nachgedacht. Außerdem steht Rummikub im Raum.

Aha. Ein Ausflug. Britta plant bereits ihre ersten Unternehmungen, während ich noch nicht einmal den Kurteich persönlich kennengelernt habe. Ich möchte nicht kleinlich sein, aber langsam entsteht hier ein gewisses Ungleichgewicht.

Anschließend ging Britta zur Entspannungstheorie. Dort ging es um Sympathikus, Parasympathikus, Anspannung und Entspannung. Besonders die progressive Muskelentspannung scheint sie zu interessieren.

Ich persönlich beherrsche die vollständige Muskelentspannung bereits seit meiner Geburt. Ich besitze nämlich keine nennenswerte Muskulatur. Man könnte mich durchaus als fortgeschritten bezeichnen.

Eigentlich hatte Britta mir für heute sogar eine Achtsamkeitswanderung in Aussicht gestellt. Meine erste offizielle Außenaktivität! Ich war bereit. Ich war aufmerksam. Ich saß auf meiner Bettkante.

Dann musste Britta kurzfristig etwas Wichtiges erledigen und die Wanderung fiel aus. Natürlich verstehe ich das. Aber ich möchte festhalten, dass meine erste geplante Reha-Anwendung abgesagt wurde, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Ein bemerkenswerter Vorgang.

Zum Mittagessen gab es Lasagne, Salat und Vanillequark. Britta war begeistert. Ich freue mich wirklich sehr, dass die Küche hier so gut ist. Wirklich. Ich hatte inzwischen übrigens noch immer keinen eigenen Speiseplan.

Dafür begann gegen Mittag das Unterhaltungsprogramm. Es klopfte.

Ein Handwerker stand vor der Tür. Britta hatte zwar ein Schild mit der Aufschrift „Bitte nicht stören“ aufgehängt, aber das hatte der Mann übersehen. Kann passieren. Er wollte den lockeren Toilettendeckel befestigen. Eine wichtige Angelegenheit. Schließlich kann man sich in einer Reha nicht um alles gleichzeitig kümmern.

Britta erzählte lachend, dass solche Schilder bei ihr auf der Arbeit auch gern übersehen werden.

Kaum war der Toilettendeckel wieder fest, erschien schon der nächste Herr. Diesmal ein IT-Techniker. Offenbar gab es ein Problem mit der Übertragung bestimmter Fernsehprogramme. Der Mann erklärte freundlich, dass daran gearbeitet werde.

Und dann machte er ein bemerkenswertes Angebot. Er könne die Programme auch persönlich vorführen. Er kenne sie schließlich auswendig!

Britta fragte sofort: „Kann ich dann auch auf Pause drücken?“

Der Techniker sagte Ja und nahm vorsorglich eine derart verrenkte Haltung ein, dass jedem klar wurde, wie ungünstig eine Pause genau in diesem Moment wäre.

Ich war beeindruckt. Ein Fernseher, der nicht richtig funktioniert, und ein Techniker, der das Programm persönlich nachspielt. Das nenne ich Kundenservice.

Als die beiden Herren fertig waren, erklärte Britta bedauernd, sie hätte sogar noch zwei Stühle zum gemütlichen Zusammensitzen gehabt. Ich glaube, sie hätte am liebsten Kaffee gekocht.

Unser Zimmer entwickelt sich jedenfalls zu einem ausgesprochen unterhaltsamen Ort. Gestern ein Elektriker mit Minigolfberatung. Heute ein reparierter Toilettendeckel und ein lebendiges Fernsehprogramm. Und ich mittendrin. Ohne Eintrittskarte.

Am Nachmittag verschwand Britta zur Hausvorstellung. Dort wurde ein Video über die Klinik gezeigt. Sogar der Wäscheraum wurde erklärt. Britta möchte ihn bei Gelegenheit noch erkunden.

Ich finde das mutig. Wer weiß, welche Abenteuer zwischen Waschmaschine und Trockner auf sie warten. Vielleicht bekommt der Regenschirm dort demnächst eine eigene Behandlung.

Nach der Hausvorstellung war ihr offizielles Programm beendet. Draußen regnete es wieder ordentlich. Ein vernünftiger Mensch hätte sich jetzt gemütlich hingesetzt.

Britta ging einkaufen.

Als sie zurückkam, hatte sie gefühlt die halbe Obst- und Gemüseabteilung dabei. Ich fragte mich bereits, ob sie hier eine kleine Filiale eröffnen möchte.

Und dann geschah etwas, womit ich nach vier Tagen nicht mehr gerechnet hatte.

Ein Teller!

Mit Wellant-Apfelstücken und Walnüssen! Direkt vor meiner Nase!

Ich durfte sogar davor sitzen und mir das Ganze aus nächster Nähe ansehen. Meine Verpflegungssituation schien sich schlagartig zu verbessern. Allerdings wurde mir weder Besteck gereicht noch ausdrücklich bestätigt, dass die Lebensmittel für mich bestimmt waren. Ich blieb deshalb vorsichtig. Man kennt Britta inzwischen.

Die Fotos dokumentieren übrigens eindeutig, dass ich mich dem Teller aus verschiedenen Richtungen genähert habe. Ich möchte das als erste praktische Übung im Bereich Ernährung und Bewegung anerkannt bekommen.

Dann begann wieder das tägliche Sprachprogramm ihres Handys. Britta erzählte etwas von ihrer Kaki. Das Telefon verstand: „Tati“.

Tati? Ich weiß nicht, wer Tati ist, aber offenbar gehört diese Person jetzt ebenfalls zu unserer Reisegruppe.

Britta war zunächst irritiert und musste dann selbst lachen. Ich glaube inzwischen, dass wir den Fernseher gar nicht brauchen. Die Spracherkennung liefert täglich ein neues Unterhaltungsprogramm.

Später holte Britta ihren Therapieplan für die kommende Woche ab. Und was soll ich sagen? Kunsttherapie. Wassergymnastik. Training. Entspannung. Gespräche. Seminare. Alles dabei.

Ich habe den Plan interessiert betrachtet. Meiner lag wieder nicht dabei. Vielleicht wurde er versehentlich im Wäscheraum abgegeben.

Zum Abendessen ging Britta wieder los. Und dort wartete eine richtig schöne Überraschung auf sie.

Eine nette Dame, mit der sie inzwischen öfter zusammensitzt, hatte extra einen bequemen Platz für sie ausgesucht. Sogar das Besteck lag schon bereit. Britta hat sich darüber riesig gefreut. Das kann ich verstehen. Solche kleinen Aufmerksamkeiten sind wirklich schön.

Ich möchte allerdings daran erinnern, dass mir heute Nachmittag ebenfalls ein Teller hingestellt wurde. Ohne Besteck. Und ohne Platzreservierung. Aber gut. Ich will nicht undankbar erscheinen.

Britta aß Brot mit Käse und Heringssalat und trank Tee und Wasser. Später kam noch ihr Zimmernachbar dazu.

Britta fragte ihn sofort, ob er sie durch die Wand hören könne. Er sagte Nein.

Gut. Dann kann ich ja morgen mit meinen Gesangsübungen beginnen. Ich habe schließlich noch keinen Therapieplan und muss mich selbst beschäftigen.

Beim Abendessen wurde noch so nett geschnackt, dass es plötzlich schon ziemlich spät war. Britta scheint hier wirklich nette Menschen kennenzulernen. Das freut mich. Auch wenn sie inzwischen mehr Verabredungen hat als ich Anwendungen.

Auf dem Rückweg mussten alle noch einmal durch den Regen. Ein kleiner Umweg gehörte ebenfalls dazu. Britta sammelt hier inzwischen ganz schön viele Schritte. Ich sammle hauptsächlich Eindrücke aus meinem Nackenhörnchen.

Später war sie schließlich frisch geduscht zurück und machte es sich auf dem Bett gemütlich. Ein Telefonat mit Jens stand auch noch an.

Ich finde es übrigens schön, dass die beiden miteinander telefonieren. Schließlich verdanke ich Jens meinen Aufenthalt hier. Auch wenn ich inzwischen vermute, dass er bei meiner Anmeldung ein paar entscheidende Unterlagen vergessen hat.

Morgen ist Samstag. Vielleicht gibt es einen Ausflug. Vielleicht wird Rummikub gespielt. Vielleicht warten weitere Abenteuer. Ich bin gespannt.

Und ich möchte an dieser Stelle noch einmal auf meine heutige Leistung hinweisen: Ich habe meine erste Achtsamkeitswanderung verpasst, zwei Handwerker bei der Arbeit beobachtet, ein Fernsehprogramm ohne Fernseher erlebt und einen Teller mit Apfelstücken und Walnüssen ausgiebig begutachtet.

Außerdem habe ich gelernt, dass man hier offenbar sogar einen Toilettendeckel reparieren lassen kann, während man eigentlich nicht gestört werden möchte. Das ist doch schon einiges.

Nur eines fehlt mir weiterhin. Eine offizielle Reha-Anwendung.

Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Vielleicht melde ich mich nächste Woche einfach zur Kunsttherapie an.

Ich könnte mich selbst malen. In einem Strandkorb. Am Kurteich. Mit einer Dattel.

Kurti Knut von Schwartau

Rehabilitand ohne Therapieplan · Erste Verpflegungsbesichtigung erfolgreich · Handwerkerprogramm ausdrücklich empfohlen ☃️