☃️ Kurti Knuts Reha-Tagebuch
Sonntag, 11. Oktober 2026 | Rehatag 6
Schwanensee, Formel 1 und die ganz große Liebe
Moin, ihr Lieben!
Hier meldet sich Kurti Knut von Schwartau. Sechster Rehatag, sechster Tag ohne Therapieplan. Inzwischen habe ich den Verdacht, dass man mich versehentlich unter „Zimmerausstattung“ verbucht hat. Dabei bin ich eindeutig ein vollwertiger Schneemann mit eigenen Bedürfnissen. Und einer Möhrennase, die durchaus mal untersucht werden könnte!
Unser Sonntag begann gemütlich. Britta ließ sich Zeit, übte ein bisschen Englisch und tüddelte auf dem Zimmer herum. Ich hätte gern mitgelernt, aber mein Englisch beschränkt sich bislang auf „Snowman“ und „Where is my breakfast?“. Letzteres halte ich für besonders wichtig.
Beim Frühstück ging es offenbar ausgesprochen international zu. Französische Köstlichkeiten, besondere Lakritze und Lemon Curd sorgten für Gesprächsstoff und Gelächter. Britta durfte sogar eine Lakritzkugel probieren. Ich bekam später eine ausführliche Beschreibung des Geschmacks.
Wunderbar. Jetzt weiß ich also, wie etwas schmeckt, das ich nicht gegessen habe.
Anschließend wurde wieder Rummikub gespielt. Ich überlege inzwischen, ob ich selbst eine Spielgruppe gründe. Teilnehmerzahl: eins. Spielort: Nackenhörnchen. Einziger Nachteil: Ich müsste sämtliche Steine allein ziehen. Mit meinen Ärmchen könnte das bis Weihnachten dauern.
Danach zog es Britta an die frische Luft. Sie geht inzwischen ganz gemütlich spazieren, bleibt öfter stehen und schaut sich die kleinen Dinge am Wegesrand an. Ich finde das eigentlich sehr schön. Nur bei einer Kleinigkeit hapert es noch: Sie schaut überall hin, nur nicht nach ihrem Schneemann, der gern mitkommen würde!
Am Kurteich fand heute eine regelrechte Ballettaufführung statt. Die Schwäne putzten ihr Gefieder, glitten übers Wasser und ein Jungschwan breitete am Ufer seine Flügel aus.
Schwanensee! Mitten in Bad Schwartau!
Eintritt frei, Garderobe aus Federn und das Orchester bestand vermutlich aus schnatternden Enten.
Wobei eine dieser Enten offenbar überhaupt nichts von klassischer Musik hält.
Aber dazu später.
Zunächst entdeckte Britta an einer Brücke jede Menge Liebesschlösser. Manche klein, manche rostig und mittendrin ein riesiges schwarzes Exemplar.
Meine Güte, was muss das für eine Liebe sein!
Entweder haben sich dort zwei Menschen für die Ewigkeit versprochen oder jemand hat seine Garage mit einer Brücke verwechselt.
Ich stelle mir gerade vor, wie das verliebte Paar zur Brücke kommt.
„Schatz, hast du das Schloss?“
„Ja, Liebling. Aber du musst mir beim Tragen helfen.“
Und dann stehen sie da, schwer verliebt und mit Bandscheibenvorfall. Romantik kann ganz schön ins Kreuz gehen! 😂
Zum Mittagessen gab es Gemüsefrikadelle mit Djuvec-Reis, Paprikasoße und Gemüse. Britta war zufrieden.
Dann kam der Nachtisch.
Mascarpone-Mandarinencreme!
„Alter Falter, war die göttlich!“, schwärmte sie.
Ich frage mich, warum hier eigentlich niemand einmal sagt: „Alter Schneemann, möchtest du auch etwas?“
Am Nachmittag telefonierte Britta mit ihrem Papa. Dabei kam natürlich auch der traditionelle Sonntagspudding zur Sprache. Den gab es diesmal nicht.
Ein Sonntag ohne Pudding! Ich war erschüttert.
Andererseits hatte ich inzwischen so viel von Butter, Lakritze, Lemon Curd und Mascarponecreme gehört, dass ich langsam befürchtete, mein Nackenhörnchen könnte sich allein vom Zuhören in ein Dessertbuffet verwandeln.
Dann präsentierte Britta mir ihr neuestes Filmprojekt.
Erinnert ihr euch an die eleganten Schwäne vom Kurteich? Während die gemütlich ihre Runden drehten, schoss plötzlich eine Ente zwischen ihnen hindurch. Britta beschleunigte die Aufnahme ein wenig und legte einen Formel-1-Motor darunter.
„Ihr macht Schwanensee, ich mache Formel 1!“ 🦆🏎️
Herrlich!
Ich habe mir das mehrfach angesehen. Die Schwäne wirkten wie gemütliche Sonntagsfahrer, während Frau Ente offenbar noch schnell die Poleposition sichern wollte.
Ich fordere übrigens eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf dem Kurteich. Schließlich trägt dieser Teich praktisch meinen Namen, und ich möchte nicht eines Tages von einer Ente überholt werden, während ich noch am Ufer stehe!
Am Abend ging Britta noch einmal los. Eine ganze Runde um den Kurteich. Sie genießt diese Spaziergänge inzwischen richtig. Das Wasser, die herbstlichen Bäume, die Tiere und einfach mal ganz in Ruhe unterwegs sein.
Ich glaube, sie entdeckt gerade, wie schön es ist, wenn man nicht ständig irgendwo ankommen muss.
Wobei ich ihr da als erfahrener Nackenhörnchenbewohner nur zustimmen kann. Ich komme seit sechs Tagen nirgendwo an und bin darin inzwischen ausgesprochen geübt.
Zurück auf dem Zimmer telefonierte Britta noch ausführlich mit Jens. Da wurde erzählt, gelacht und sich gefreut, voneinander zu hören. Das fand ich schön. Schließlich hat Jens mich ja mitgeschickt, damit Britta ein kleines Stück Zuhause bei sich hat.
Und ich nehme diesen Auftrag ernst! Selbst wenn ich dabei gelegentlich unter einem Kissen verschwinde.
Später gab es noch Milchreis.
Und jetzt haltet euch fest: Britta bot mir tatsächlich einen Löffel an!
Ich war schon kurz davor, sämtliche bisherigen Beschwerden zurückzunehmen. Doch dann kam die Warnung: Der Milchreis sei ungewöhnlich körnig.
Körnig?!
Ich bin ein Schneemann, kein Kieslaster!
Also habe ich dankend abgelehnt. Es gibt schließlich Grenzen. Selbst bei meiner derzeitigen Versorgungslage.
Nun geht dieser Sonntag zu Ende. Britta ist zufrieden, die Schwäne haben Feierabend, die Rennente vermutlich ihre Reifen gewechselt und irgendwo an einer Brücke hängt ein Liebesschloss, das wahrscheinlich eine eigene Statikberechnung benötigt.
Und ich?
Ich liege in meinem grauen Nackenhörnchen, habe noch immer keinen Therapieplan und frage mich, ob ich morgen endlich einmal mit zum Kurteich darf.
Vielleicht sollte ich einfach behaupten, dort sei mein nächster Anwendungstermin.
„Herr Knut von Schwartau, bitte zur Wassergymnastik!“
Na also. Geht doch!
Frostige Grüße
Euer Kurti Knut von Schwartau ☃️
Rehabilitand ohne Therapieplan, selbst ernannter Kurteich-Beauftragter und überzeugter Gegner von körnigem Milchreis.
P. S.: Sollte jemand das riesige Liebesschloss wieder öffnen wollen, empfehle ich, rechtzeitig einen Kran zu bestellen. Nicht, dass die Liebe am Ende noch am fehlenden Werkzeug scheitert! 😂