Luams Winter zwischen den Welten
Der Winter hatte den Sandweg fest im Griff.
Der Boden war hart wie Stein, der Schnee lag wie eine dicke Decke über den Gärten, und selbst die mutigsten Regenwürmer hatten sich tief unter der Erde versteckt. Alles wirkte ruhig. Still. Fast ein bisschen eingefroren.
Fast alles.
Denn mitten im weißen Garten tauchte eines Morgens etwas Dunkles auf.
Ein kleiner Hügel.
Nicht groß. Nicht auffällig.
Aber eindeutig: ein Maulwurfshügel.
Unter der gefrorenen Erde saß Luam und pustete leise die Backen auf.
„Puh… das war jetzt wirklich kein Spaziergang“, murmelte er und wischte sich mit einer Pfote etwas Erde von der Nase.
In der Schattenwelt war es in den letzten Wochen ganz anders gewesen.
Dort war gerade eine milde Jahreszeit angebrochen. Die Böden waren weich wie Kuchenkrümel, die Tunnel ließen sich mühelos graben, und überall leuchteten kleine Wärmepunkte, an denen man sich ausruhen konnte.
Seine Freunde dort hatten ihn schon ein bisschen schief angeschaut, als er von seiner Reise erzählt hatte.
„Zurück in die Frostwelt? Im Winter?“
„Bist du sicher, Luam?“
„Da friert man sich doch die Schnurrhaare ein!“
Luam hatte nur gelächelt.
„Ich möchte mal wieder nachsehen, wie es dort aussieht“, hatte er gesagt.
„Und wie es Brodie und Joss geht. Und am Sandweg hat sich bestimmt auch viel verändert.“
Und das hatte es.
Neue Häuser waren entstanden. Andere verschwunden. Am Ende des Weges wurde gebaut, gerüttelt und geplant. Alles war in Bewegung. Nur unter der Erde war es im Winter besonders still.
Um überhaupt durch den gefrorenen Boden zu kommen, hatte Luam sich aus der Schattenwelt ein kleines Spezialwerkzeug besorgt: einen Wärmspaten aus sanft glühendem Lichtstein und Handschuhe, die den Boden ein bisschen weichmurmelten.
Damit hatte er sich tapfer nach oben gearbeitet.
Zentimeter für Zentimeter.
Bis er endlich wieder frische Luft roch.
Und Schnee.
„Brrr…“, machte Luam leise. „Okay. Kurz besuchen reicht auch.“
Vorsichtig lauschte er nach oben.
Er hörte Schritte. Stimmen. Türen. Das vertraute Leben.
Er wusste, dass Brodie und Joss sich nicht über seine Hügel freuten. Und dass Joss’ Mama sich einmal sogar erschrocken hatte, weil sie darüber gestolpert war.
Das wollte er wirklich nicht noch einmal.
Er mochte die Menschen hier.
Auch wenn sie manchmal über ihn schimpften.
Gerade deshalb.
Ein paar Tage lang grub Luam vorsichtig kleine Gänge, schaute hier, schnupperte dort und staunte darüber, wie sehr sich alles verändert hatte.
Dabei entstanden leider trotzdem mehrere Hügel.
Er seufzte jedes Mal leise, wenn wieder einer auftauchte.
„Ach Luam…“, murmelte er dann. „Du meinst es gut. Aber gut gemeint ist nicht immer gut gemacht.“
Abends, tief in seinem Tunnel, dachte er nach.
In der Schattenwelt waren seine Grabstellen etwas Schönes. Dort entstanden kleine Lichtinseln, weiche Ruheplätze oder warme Bodengärten, über die sich alle freuten.
Warum sollte das hier nicht auch möglich sein?
Vielleicht…
Vielleicht konnte er etwas mitbringen.
Etwas, das die Erde sanft glättete.
Etwas, das kleine, sichere Plätze schuf.
Etwas, das niemanden störte.
Am nächsten Morgen machte sich Luam wieder auf den Weg zwischen die Welten.
Mit einer neuen Idee im Kopf.
Und einem warmen Gefühl im Herzen.
Denn egal, wie bequem es in der Schattenwelt war, ein Teil von ihm gehörte immer auch hierher.
Zum Sandweg.
Zu Brodie und Joss.
Zu den vertrauten Geräuschen.
Und zu der Hoffnung, dass man gemeinsam einen Weg finden konnte.
Ohne Stolpern.
Ohne Ärger.
Mit ein bisschen Magie.
Und ganz viel Rücksicht.
