Die Brodie Bande: Nah am Mittelfinger gebaut
Brodie hatte gerade eine WhatsApp von Ischi abgehört.
Nur ein Satz.
Ich bin heute nah am Mittelfinger gebaut.
Es war so ein Satz, der nicht laut sein musste, um Wirkung zu haben. Er klebte sofort in der Luft. Wie ein Post-it auf der Stirn des Tages.
Easy saß schon auf dem Sofa, die Decke halb über den Knien, halb über der Welt. Mona hockte im Teppichnest und hatte diesen Blick, als würde sie gleichzeitig fühlen und sortieren.
Luna stoppte mitten in einer Drehung.
Ewo saß auf der Fensterbank, leicht schräg wie immer, als würde er den Wind erst prüfen, bevor er spricht.
Frau Schmidt zog ihr Stirnband gerade und tat so, als hätte sie den Satz nicht gehört. Was natürlich bedeutete, sie hatte ihn komplett gehört.
Und der Professor von Mumpitz war plötzlich auch da. Mit Notizbuch. Mit Brille. Und mit diesem „Ähm“, das klang wie eine aufklappende Gedankenleiter.
Jack kam aus Richtung Küche. Mit einem Grashalm. Und einem Gesichtsausdruck, der schon alles sagte, bevor er irgendwas sagte.
Ritter Rötje stand kerzengerade auf dem kleinen Stern am Fensterbrett und tat so, als wäre das jetzt ein offizieller Einsatz.
Dann passierte es.
Luna fing an zu kichern.
Nicht so leise, dass man es überhören konnte. Eher so, dass sich der Raum kurz entschuldigte und dann mitkicherte.
Mona legte den Kopf schief. Ganz minimal. Und sagte trocken:
„Ich sehe schon eine Baustelle. Mit Absperrband. Und einem Schild: Bitte nicht ansprechen, ich trockne gerade.“
Jack hob die Pfote.
„In Texas“, sagte er, „nennen wir das: I’m one comment away from becoming a legend.“
Easy lachte. Einmal kurz. Dann noch mal, weil es beim zweiten Mal besser war.
Ewo räusperte sich und sagte, ohne die Fensterbank zu verlassen:
„Nah am Mittelfinger gebaut ist ein poetischer Zustand. Es bedeutet, die Welt ist heute zu laut, und man möchte ihr ein Stoppschild schenken.“
Frau Schmidt hob eine Fühlerbraue. So weit Nacktschnecken Fühlerbrauen haben können.
„Ich glaube“, sagte sie, „es bedeutet auch, dass Ischi sich selbst schützt. Mit Humor. Damit sie niemanden anfaucht, der es nicht verdient.“
Ritter Rötje nickte so ernst, als hätte er gerade einen Königsbeschluss gehört.
„Dann ist das also keine Frechheit“, verkündete er, „sondern ein Schutzzauber.“
Easy grinste.
„Ein Schutzzauber mit Baustellenhelm.“
Und jetzt ging es los. Weil der Satz in den Köpfen angefangen hatte, Dinge zu bauen.
Mona schob ein unsichtbares Lineal über den Teppich.
„Wenn man nah am Mittelfinger gebaut ist“, sagte sie, „dann gibt es dort vielleicht eine kleine Hütte. Eine, in der man sich kurz zurückziehen kann. Mit Fenstern, die man schließen darf.“
Luna sprang auf.
„Und mit einer Rutsche! Eine Rutsche weg von nervigen Menschen. Wusch. Abflug.“
Jack tat, als würde er sich Notizen machen.
„Wir brauchen Absperrband. Ich habe eine Spinne unter dem Käse gesehen. Die kann das.“
Der Professor setzte seine Brille auf. Sehr langsam. Sehr bedeutungsvoll.
„Ich beantrage offiziell“, sagte er, „die Umbenennung in Mittelfinger-Nähe-Bauamt.“
Er blätterte in seinem Notizbuch.
„Erstens: Befindlichkeitsarchitektonik. Zweitens: Humor als tragendes Element. Drittens: akute Bedarfslage an mentalem Mörtel.“
Er hob den Stift.
„Fußnote eins: Der Mittelfinger ist in dieser Konstruktion kein Angriff, sondern ein Geländer.“
Easy prustete.
„Ein Geländer, Professor.“
„Ja“, sagte er zufrieden. „Damit niemand in den Abgrund der schlechten Laune fällt.“
Ewo schaute kurz in den Garten, als würde er prüfen, ob der Wind das auch so unterschreibt.
„Und“, sagte er, „wir bauen noch eine Bank daneben. Für später. Wenn es wieder ruhig wird. Dann kann Ischi sich setzen und sagen: Heute war wild, aber ich bin durch.“
Frau Schmidt nickte.
„Und wir bauen eine Tür, die man nicht erklären muss. Man darf einfach reingehen.“
Ritter Rötje hob sein Holzschwert.
„Ich bewache die Tür! Jeder darf rein, der freundlich ist. Alle anderen bekommen Keksverbot.“
Jack klopfte ihm auf den Helm.
„Kid“, sagte er, „du bist gefährlich.“
Easy griff zum Handy, sah Brodie an, dann die Bande.
„Brodie“, sagte sie, „wir schicken Ischi keinen Roman. Wir schicken ihr nur einen Satz, der sie lachen lässt. Und der sagt: Wir haben dich verstanden.“
Mona nickte.
Britni, die die ganze Zeit still gewesen war, kam näher und stellte eine Tasse hin, als wäre das das offizielle Ende jeder Unruhe.
Und sie sagte ruhig:
„Sag ihr, sie darf heute nah am Mittelfinger gebaut sein. Solange ihr Herz nicht leer wird. Und wenn doch, bringen wir ihr Nachschub.“
Brodie lächelte, tippte eine Antwort, und der Tag wurde nicht plötzlich leicht.
Aber er bekam einen Rand aus Humor.
Und manchmal ist das genau die richtige Statik.