Rundflug über die Stadt
Es war ein Dienstag im Januar.
So einer, der offiziell kalt war, sich aber dank Sonne für deutlich besser hielt als sein Ruf. Brodie hatte Urlaub genommen, Termine in der Stadt und einen Plan. Also zumindest ungefähr.
Ewo war natürlich dabei. Nicht offiziell angemeldet, aber fest eingeplant. Während Brodie ihre Wege erledigte, nutzte Ewo die Zeit für das, was er am besten konnte: fliegen, schauen, kommentieren. Von oben wirkte Oldenburg fast geschniegelt. Der Lappan stand wie immer geschniegelt geschniegelt da, die Lamberti Kirche tat so, als wäre sie schon ewig da gewesen und würde das auch noch eine Weile bleiben, und alles darunter sah erstaunlich ordentlich aus. Menschen, Fahrräder, Straßen – alles in Bewegung, aber ohne Eile. Ewo mochte diesen Überblick. Er fühlte sich dabei nicht wichtig, eher… zuständig.
Nach den Terminen ging es zurück. Über den Hafen, das Wasser glitzerte, die Sonne tat ihr Bestes. Die Eisenbahnbrücke lag bereits hinter ihnen, als sie an der Stedinger Straße ankamen. Schranken unten. Stillstand. Brodie schaute kurz. Dann links ab. Richtung Drielaker See. Umwege waren oft die besseren Entscheidungen.
Am See angekommen, war sofort klar: Hier wird angehalten. Das Licht war zu schön, das Wasser zu ruhig, die Stimmung zu sehr „Bleib doch kurz“. Brodie zog ihre Handschuhe an. Oder besser gesagt: wollte sie anziehen.
Denn Ewo hatte andere Pläne.
Kaum lagen die Schaffellhandschuhe bereit, waren sie auch schon zweckentfremdet. Ewo steckte neugierig seine Flügel hinein, schob ein wenig, drehte sich und nickte zufrieden. Warm. Sehr warm. Und eindeutig Schaf. Für ihn war sofort klar: Britni hatte hier ihre Wolle gespendet. Ganz freiwillig. Vermutlich mit Herz. Das wollte er bei Gelegenheit noch mit ihr besprechen. Man konnte ja nie wissen, ob sie das selbst noch wusste.
Brodie lachte, ließ ihn gewähren und machte Fotos. Ewo posierte. Mal im Fahrradkorb, mal am Wasser, mal mitten im Schilf. Einmal saß er sogar so still, dass er selbst überrascht war. Dann wieder flog er los, drehte eine kleine Runde, kam zurück und verlangte erneut nach den Handschuhen. Winter war schließlich kein Grund, ungeschützt zu sein.
Die beiden hatten Spaß. Unverkennbar. Ewo brachte sich ein, kommentierte stumm, stellte sich in Szene, ließ sich wärmen und betrachtete die Welt mit diesem typischen Blick, der sagte: Ich bin eigentlich nur zufällig hier, aber jetzt, wo ich schon mal da bin, mache ich es mir gemütlich.
Als sie später weiterfuhren, war der Tag immer noch kalt. Aber irgendwie hatte er an Schärfe verloren. Vielleicht lag es an der Sonne. Vielleicht am See. Oder vielleicht daran, dass ein kleiner Vogel in Schaffell-Handschuhen beschlossen hatte, dass Januar auch nett sein konnte.