Moin, ihr Lieben! Hier meldet sich Kurti Knut von Schwartau. Ich bin wieder frei! Ja, ihr habt richtig gelesen. FREI! Nach mehreren Stunden unfreiwilliger Schrankhaft durfte ich heute endlich auf meinen angestammten Platz im grauen Nackenhörnchen zurückkehren. Was ich verbrochen habe? Nichts! Rein gar nichts! Aber ich erzähle euch die Geschichte lieber von vorne. Sonst heißt es nachher wieder, ich würde übertreiben.
Der Freitag begann für Britta ausgesprochen früh. Noch vor sechs Uhr war sie wach und offenbar der Meinung, dass man aus einem solchen Tag möglichst viel herausholen sollte. Ich persönlich halte das für übertrieben. Schließlich beginnt ein guter Tag meiner Ansicht nach damit, dass man sich noch einmal gemütlich umdreht. Was bei meinen kurzen Plüscharmen und meinem kugeligen Körper allerdings auch nicht ganz einfach ist.
Britta war jedenfalls schon früh beim Frühstück und anschließend am KURTeich. Dort herrschte bereits reger Betrieb. Die Enten absolvierten offenbar ihr morgendliches Fitnessprogramm, während die Schwäne noch ein bisschen verschlafen wirkten. Auch die Gänse waren wieder unterwegs. Ich frage mich langsam, ob diese gefiederte Gesellschaft überhaupt irgendwann Pause macht. Gestern noch Aquafitness mit Trainer Ole und heute schon wieder Frühsport! Und ich warte weiterhin auf meine erste offizielle Anwendung.
Um acht Uhr ging Britta zu ihrer ersten Gruppe des Tages. Ich blieb natürlich zurück. Anschließend stand für sie noch Training in der Muckibude auf dem Programm. Während Britta also fleißig ihren Therapieplan abarbeitete, wartete ich weiterhin auf meine erste offizielle Anwendung. Aber dann sollte mein Freitag eine völlig unerwartete Wendung nehmen. Und die hatte weder mit Sport noch mit Entspannung zu tun!
Britta hatte mich am Morgen vorsorglich in den Kleiderschrank gesetzt, damit ich bei der Zimmerreinigung nicht im Weg war. So weit, so verständlich. Schließlich möchte auch ein Schneemann nicht versehentlich mit dem Staubwedel verwechselt werden.
Aber dann ging Britta los. Erst zum Frühstück, dann zum KURTeich, zur Gruppe und zum Training. Und anschließend begann das, was ich nur als den größten Waschmaschinen-Skandal meiner bisherigen Reha-Karriere bezeichnen kann.
Waschmaschinen-Tetris!
Britta hatte sich für zehn Uhr eine Waschmaschine reserviert. Eigentlich eine einfache Angelegenheit. Wäsche hinein, Waschmittel dazu, Knopf drücken, fertig.
Dachte sie.
Die Maschine war nämlich noch belegt, weil das vorherige Programm länger dauerte als geplant. Der Besitzer der Wäsche kam glücklicherweise rechtzeitig zurück und war ausgesprochen freundlich. Allerdings hatte er ein Problem: Seine frisch gewaschene Wäsche roch überhaupt nicht frisch!
Und was machen Menschen in einer solchen Situation?
Sie lassen andere Menschen daran riechen!
Ich musste wirklich zweimal darüber nachdenken, als Britta mir das später erzählte. Da stehen also zwei Erwachsene in einer Waschküche und beschnuppern gemeinsam frisch gewaschene Wäsche, um festzustellen, dass sie nicht frisch riecht.
Herrlich!
Der nette Herr schenkte Britta anschließend sogar drei duftende Trocknertücher. Offenbar ist das hier die heimliche Währung der Waschküche. Andere sammeln Treuepunkte, hier tauscht man Dufttücher und Waschmaschinenplätze.
Und dann stellte Britta fest, dass sie sich beim Trockner versehentlich für den falschen Tag eingetragen hatte.
Na wunderbar!
Zum Glück war noch ein anderer Trockner frei. Aber damit begann erst das eigentliche Durcheinander. Waschprogramme liefen länger als erwartet, Trockner mussten gewechselt werden, andere Maschinen waren belegt und ständig musste Britta wieder nach unten.
Ich stelle mir das ungefähr so vor:
„Waschmaschine zwei ist fertig!“
„Trockner eins ist noch belegt!“
„Wer hat Donnerstag auf Freitag geschrieben?“
„Wo sind eigentlich meine Trocknertücher?“
Und mittendrin Britta, die versucht, ihre Wäsche irgendwie durch dieses ausgeklügelte System zu schleusen.
Das ist keine Waschküche. Das ist ein Escape-Room mit Schleudergang! 😂
Zwischendurch konnte Britta sogar einem anderen Mitpatienten ihren nicht mehr benötigten Waschmaschinenplatz überlassen. Der hatte sich nämlich ebenfalls beim Datum vertan. Ich sage euch, diese Reservierungslisten scheinen eine ganz eigene Wissenschaft zu sein. Vielleicht gibt es dafür nächste Woche eine Schulung. „Einführung in die Waschmaschinenlogistik, Aufbaukurs mit praktischer Trocknerbelegung.“
Und während Britta durch die Waschküche flitzte, saß ich noch immer im Schrank.
Allein.
Zwischen Kissen und zusammengelegten Sachen.
Ohne KURTeichblick.
Ohne Tageslicht.
Ohne einen einzigen Termin auf meinem Therapieplan!
Irgendwann fiel Britta dann endlich ein, dass sie ja noch einen kleinen Mitbewohner hat.
Mich!
Sie öffnete den Schrank, schaute hinein und stellte erleichtert fest, dass ich immer noch lächelte.
JA, BRITTA! DAS IST EINGENÄHT!
Ich kann gar nicht anders! 😂
Ich finde ja, ein Schneemann sollte bei der täglichen Zimmerkontrolle grundsätzlich mitgezählt werden. Immerhin wurde ich schließlich befreit und durfte zurück in mein graues Nackenhörnchen. Auf dem ersten Foto seht ihr mich noch in meiner unfreiwilligen Unterkunft. Auf dem zweiten bin ich wieder auf meinem königlichen Platz. Schaut genau hin! Ich muss das Ganze schließlich erst einmal verarbeiten.
Nach diesem Waschmaschinenmarathon schaffte Britta es irgendwann auch noch zum Mittagessen. Dort ergaben sich wieder nette Gespräche, und ehe sie sich versah, war es schon fast halb zwei. So schnell vergeht die Zeit, wenn man sich gut unterhält.
Anschließend ging es noch einmal zum KURTeich. Diesmal nicht allein, sondern in netter Gesellschaft. Die beiden drehten gleich zwei Runden und setzten sich anschließend noch auf eine Bank. Fast zwei Stunden waren sie zusammen unterwegs! Ich finde das ja wirklich schön. Hier entstehen inzwischen immer mehr nette Kontakte, und Britta genießt es offenbar sehr, gemeinsam spazieren zu gehen und sich auszutauschen.
Unterwegs traf sie außerdem einen weiteren Bekannten aus der Klinik. Es scheint sich langsam herumzusprechen, dass Britta nicht nur Waschmaschinenplätze organisiert, sondern auch für gemeinsame Unternehmungen zu haben ist.
Ich frage mich nur, wann endlich jemand auf die Idee kommt, mich einzuladen. Ich bin ausgesprochen gesellig, brauche keinen eigenen Stuhl und bringe mein Kissen sogar selbst mit!
Später ging Britta noch einkaufen. Nach den Erfahrungen des Vormittags standen natürlich neue Waschmittel-Pods und Hygienespüler auf der Liste. Die Wäscherei musste schließlich für die nächste Runde aufgerüstet werden.
Außerdem kaufte sie Obst, ein paar Kleinigkeiten und einen Schoko-Michel.
Einen WAS?
SCHOKO-MICHEL!
Moment mal. Gestern Heidelbeerkuchen in Lübeck. Heute ein Schoko-Michel. Und ich?
Ich habe nicht einmal eine Entschädigung für meine Schrankhaft bekommen!
Ich möchte nur daran erinnern, dass ich neulich mit meiner Lindor-Kugel ausgesprochen zufrieden war. Ich bin also durchaus ein bescheidener Schneemann. Aber eine kleine Schokoladenentschädigung wäre nach diesem Tag wirklich angemessen gewesen.
Britta genoss ihren Schoko-Michel draußen und kehrte anschließend zurück ins Zimmer. Dort beschäftigte sie sich noch mit ihrem Therapieplan für die kommende Woche. Kunsttherapie, Achtsamkeit und verschiedene andere Angebote stehen wieder auf dem Programm.
Und ich habe nachgesehen: Mein Name steht immer noch nicht drauf.
Langsam nehme ich das persönlich.
Am frühen Abend ging Britta zum Essen, plauderte wieder mit netten Menschen und machte später sogar noch einen kleinen Ausflug nach draußen. Offenbar hatte sie trotz des Waschmaschinenmarathons noch Lust auf noch mehr frische Luft.
Als sie schließlich zurückkam, dachte ich, jetzt würde endlich Ruhe einkehren.
Aber nein!
Unser Zimmer hatte sich inzwischen in eine Großwäscherei verwandelt!
Überall hing Wäsche. Auf dem Wäscheständer, über den Stühlen, im Badezimmer, auf Kleiderbügeln und sogar auf dem Schreibtisch lagen noch Wäschestücke.
Ich wusste überhaupt nicht, wohin ich zuerst schauen sollte.
Ich meine, wir haben hier ein ganz normales Reha-Zimmer. Und plötzlich sieht es aus, als hätte Britta eine Außenstelle der örtlichen Textilreinigung eröffnet!
Fehlt eigentlich nur noch ein Schild an der Tür:
„Wäscherei Britta & Kurti. Annahme nur nach vorheriger Reservierung. Für muffige Ergebnisse übernehmen wir keine Haftung.“
Wobei ich ausdrücklich darauf hinweise, dass ich mit dem operativen Geschäft nichts zu tun habe. Ich bin höchstens der Qualitätsbeauftragte. Und nach meiner heutigen Schrankhaft fordere ich dafür selbstverständlich einen eigenen Schreibtisch.
Zwischendurch hatte Britta beide Fenster weit geöffnet, damit die Wäsche besser trocknen konnte. Am Abend wurden sie wieder geschlossen. Schließlich wollen wir nicht auch noch sämtliche Insekten aus Bad Schwartau als Übernachtungsgäste begrüßen.
Stellt euch das mal vor! Erst die Waschmaschinen, dann die Trockner, dann die Wäsche überall und schließlich noch eine Mückenversammlung auf meinem Nackenhörnchen!
Nein, danke. Meine Zimmerkapazität ist erschöpft.
Später telefonierte Britta noch eine ganze Weile mit Jens. Ich hoffe sehr, dass sie ihm auch von meiner heutigen Gefangenschaft berichtet hat. Schließlich war er es, der mich ursprünglich auf diese Reise geschickt hat. Ich finde, er sollte über die Unterbringungsbedingungen seines kleinen Schneemanns informiert sein.
Inzwischen ist es Abend geworden. Britta ist zufrieden mit ihrem Tag, die Wäsche trocknet hoffentlich vor sich hin und ich sitze wieder auf meinem angestammten Platz.
Wenn ich den Freitag zusammenfassen müsste, würde ich sagen: Morgens ein Besuch bei den gefiederten Freunden, danach Gruppe und Muckibude, anschließend ein Waschmaschinenmarathon mit Dufttuchverleih, dazwischen ein Schneemann in Einzelhaft und zum Abschluss die Eröffnung einer privaten Großwäscherei.
Und das alles an einem einzigen Freitag!
Ich habe deshalb beschlossen, für morgen vorsorglich einen Zettel an die Schranktür zu hängen:
„ACHTUNG! Vor Verlassen des Zimmers bitte Schneemann zählen!“
Einer müsste es sein.
Wenn keiner da ist, bitte im Kleiderschrank nachsehen.
Euer Kurti Knut von Schwartau ☃️❤️
P. S.: Britta, falls du nächste Woche wieder Wäsche wäschst: Ich helfe dir gerne beim Sortieren. Aber nur, wenn ich nicht versehentlich bei 60 Grad im Pflegeleichtprogramm lande. Ich bin schließlich ein Schneemann und kein Kochwäscheartikel! 😂